«Farewell and a big hello again»
Dänu Siegrist, RFV
Wenn der schillernde Popmaniac Wilde in Schale zur Taufe seiner neuen CD
Stand And Stare auf die Bühne steigt, ist er hundert Prozent Musiker und Entertainer. Dann lässt er seine bewegte Geschichte als ehemaliger DRS3-Musikredaktor, Programmverantwortlicher der (damals so benannten) Musikkaserne Basel und heutiger Leiter der Online Plattform
Fontastix im Dämmerlicht der Garderobe.
Souveräner Showman
Während zwei Stunden konnte am 9. Februar 2012 eine gut gefüllte Kuppel Basel die gelungene Live-Premiere von Stand And Stare miterleben. Wilde outete sich an diesem Abend als souveräner Showman, und in den Songs seines neusten Werks als grosser Liebhaber des klassischen und differenzierten Poparrangements.
Popmaniac seit 30 Jahren
Für Kennerinnen und Kenner des Multitaskers kein Wunder, erkundete der Musiker die Popmusik doch über Jahrzehnte als Insider aus verschiedensten Perspektiven. Von 1985 bis 2003 beschäftigte sich Wilde als Musikredaktor eingehend mit Plattenproduktionen der nationalen und internationalen Musikszene und leitete das Live-Gefäss «Uf der Gass» bei Radio DRS 3. Schliesslich engagierte er sich als Leiter der Musikkaserne Basel im Live-Bereich und übernahm danach die Geschäftsführung des Vertriebs und CD-Shops
Fontastix, einer Onlineplattfrom für unabhängige Schweizer Musik.
Hitproduzent an den Mixknöpfen
Vorproduziert und experimentiert wurde das aktuell Album Stand And Stare über längere Zeiträume im hauseigenen Aufnahmeraum «Boiler Room». Für den Mix holte man sich dann die Untersützung eines wahren Cracks der britischen Musikszene,
Hugh Padgham. Padgham produzierte in den 80er Jahren Songs wie «Every Breath You Take» von Police oder «In The Air Tonight» von Phil Collins. Er war genau der Richtige um den Überblick über die sensiblen und vielschichtigen Arrangements der neuen Songs zu behalten und die Fülle der musikalischen Ideen in die optimale Relation zu bringen. Die Aufnahmen offenbaren Wildes grosses Talent als Songwriter - wie auch das seiner Kollegen. Mit viel Akribie und Liebe zum Detail wurde an der Instrumentierung und an den Vocals gearbeitet. So etwa am beatleesken «Love Is The Answer (Sex Is The Cure)», dessen Backgroundvoacls an die grossen Zeiten der Fab Four erinnern. Oder an dem in 70er Manier produzierten «The Fire In Your Heart», das von klassischen Streichern, Discodrums, über fette Gitarrenriffs mit Van Halen Solo, bis hin zum Abba-Chorus, eine ganze Ära musikalisch zusammenfasst.
Grossartig dramatisches Farewell zum Schluss
Sei es die Flangergitarre, die röhrende Hammond-Orgel, die leicht krächzende Dobrogitarre oder gar die zartbesaitete Klassikgitarre, welche im südamerikanisch anmutenden «Something In Your Mind» einen Auftritt hat, die Klangfülle dient konsequent den originellen Kompositionen des Trios Wilde. Es provoziert Erinnerungen an die letzten 45 Jahre Popmusik, lehnt sich an bewährte Muster und ist doch so eigen, dass man unsicher ist ob die Songs wohl mehrheitstauglich sind. Denn gerade das wünscht man Stand And Stare am meisten. Nicht nur das grossartige und dramatische Farewell der CD «Even If It All Came True» soll dazu animieren auf die Repeat-Taste zu drücken, wieder und wieder.
Dänu Siegrist Rockförderverein der Region Basel (RFV)
«STAND AND STARE»
ODER «ÜBER DIE ARCHIVIERUNG
DES POP»
Fabian Degen, Wastelight
Die schillernde Musikszene Basel hat wieder mal einen neuen Silberling gesprossen, welcher seine Runden durch die Stadt zieht. Das ironische Cover der CD ist auch sinnbildlich, was zu erwarten ist: drei gestandene Herren in schwarzen Anzügen und weissen Hemden stehen gedankenverloren mit einer qualmenden Zigarette und Whiskey-Glas vor schwarzem Hintergrund. Ein Aufbäumen aus der Zeit der rauchgeschwängerten musikdurchdrungenen Clubs.
Der Heilige Gral
Matthias Wilde hat seine Mannen zusammengetrommelt und hat sich mit ihnen in den unendlichen Weiten der Popmusik auf die Suche nach dem heiligen Gral gemacht. Auf der Suche nach dem perfekten Popsong. Die musikalischen Archeologen haben einiges an Wundern und Tönen in den Ruinen von 50 Jahren Popkultur entdeckt. Wie weit dies auch ihrem Steuermann hinter den Reglern zu verdanken ist, kann nur die Zeit und ein weiteres Album beantworten. Neben dem Trio Wilde, Hidber und Leupen mischte auf diesem Album zum ersten Mal auch
Hugh Padham mit. Seines Zeichens Musikgeschichteschreiber mit unter anderem The Police, Peter Gabriel und vielen weiteren. Doch trotz bombastischen Namen und Kombinationen ist das neue Album geprägt von einer Dezenz und allgemeinen Zurückhaltung. Nicht vom musikalischen Standpunkt her. Mehr von der Grundhaltung.
Back To The Future
Pop schaute immer voraus, war nie zufrieden mit dem gegenwärtigen Stand. Wenn er es mal wurde, war es Zeit für eine neue popkulturelle Revolution. 2012 ist diese nicht mehr auf die Musik bezogen. Immer wie mehr gibt es nun die neue Tendenz des Zurückblickens. Wilde schaut zurück, gräbt um, sucht nach vergangenen Ideen und Zitaten. Musikarcheologie in Reinform. In einer gewissen Form ist es ein Popentwurf-Sampling, welches immer wie mehr angewandt wird. Damit meine ich nicht die grässlichen House-Cover-Versionen, sondern Grundkonzepte. Was hat früher wie und warum gut funktioniert? Gibt es einen Grund, dass dies nicht mehr praktiziert wird? Es sind die gleichen Fragen, welche Jack White antreiben in einem seit den 60ern fast unangetasteten Studio in England eine Vielzahl seiner Sachen aufzunehmen. Es geht um die Reinheit eines Pops, der über die Musik definiert wird. In diesem Sinne graben Wilde in einem Wühlfeld von verlorenem Pop nach der Musik. Losgelöst vom kommerziellen Standpunkt der Erstveröffentlichung in den vergangenen Tagen. Und somit passt auch das Cover, wie kein zweites. Ein schönes Album, wo sich feine Orchestrierungen, Choreinsätze, Querflöten, Triangel und spanischem Gitarrengezupfe im Amalgam der Soundfetzen ein erweitertes Ganzes generieren und dies gleichzeitig zelebrieren.
Anspieltipps
Der rumpelnd northern soulige Opener
Wall of Lies und der psychedelisch aufgeladene PopSong Take Your Breath Away.
Fabian Degen für Waste The Light